Lesestoff

W. Berner

Was im Dunkeln geschieht

„„Also, eine besonders gute Idee war es ja nicht gerade, hier auf dieser öden Nebenstraße herumzugurken“ sagte Günter Weiding hinter dem Steuer seines nagelneuen Ford Focus.
„Was willst du denn, es war doch deine eigene Idee!“ meinte seine Frau Ursula.
Sie saß auf dem Beifahrersitz und musterte die Landschaft, welche draußen in der Dunkelheit einer lauen Sommernacht an ihrem Wagen vorbeizog.
„Hier liegt zwar der Hund begraben, aber dafür ist kaum Verkehr und du kannst das neue Auto ohne Störung ausprobieren“, fügte sie noch hinzu.
„Autos fahren kaum hier, aber dafür scheint die Strecke bei Motorradfahrern sehr beliebt zu sein“. Er macht eine nickende Bewegung Richtung Rückspiegel. „Da kommt schon wieder einer!“
Nur einen kurzen Moment später raste das erwähnte Bike in halsbrecherischer Fahrt am Wage des Ehepaars vorbei.
„Verantwortungslos, so durch die Gegend zu rasen“, schimpfte Günter Kopf schüttelnd. „Sicher, während der letzten sieben Kilometer sind wir vielleicht an gerade mal fünf Häusern vorbei gekommen. Aber trotzdem kann doch da urplötzlich ein Kind auf die Straße laufen. Wie will man bei dem Tempo noch halten oder ausweichen können!“
„Ja, das Leben scheint diesen Typen nicht viel zu bedeuten!“ stimmte Ursula ihrem Mann zu. Gleich darauf lachte sie glucksend.
„Also, irgendwie muss ich jetzt an die ‚Rocky Horror Picture Show“ denken. „Das fing doch ähnlich an“.
Ihr Mann schmunzelte.
„Im Prinzip ja. Aber wir wollen niemanden besuchen, es regnet nicht, und verfahren haben wir uns auch nicht. Außerdem müsste dann auch noch der Präsident im Radio sprechen“.
In diesem Moment begann der Wagen heftig zu ruckeln und zu bocken. Erschrocken klammerte Günther Weiding sich am Lenkrad fest und versuchte, den störrischen Wagen unter Kontrolle zu behalten.
„Was ist den jetzt los?“ rief seine Frau erschrocken aus.
„Keine Ahnung, warum der Wagen spinnt!“ antwortete er seiner Frau.
Günter lenkte den störrischen Wagen an den Straßenrand, und als er das Fahrzeug zum Stillstand gebracht hatte, ging auch der Motor aus. Unter den besorgten Blicken seiner Frau versuchte Günter, die Maschine wieder anzulassen. Aber das einzige Resultat war jeweils ein lautes Klicken des Anlassers. Mehr tat sich nicht.
„Tja!" einte er nach einigen Minuten ratlos, „den Regen und die Ansprache des Präsidenten kann ich dir nicht bieten, Ursula. Dafür haben wir die Autopanne. Und mein Handy liegt zu Hause. Hast du wenigstens deins dabei?“
Seine Frau kramte nervös in ihrer Handtasche, aber schließlich schüttelte sie resigniert ihren Kopf.
„Dammich! Passt ja wieder alles wunderbar“, fluchte Günter daraufhin so heftig, dass Ursula erschrocken zusammen zuckte.
„Und natürlich keine Menschenseele weit und breit“, brummelte er weiter vor sich hin, während er überlegte, was er jetzt unternehmen könnte.
Da zupfte ihn seine Frau am Ärmel und zeigte hinaus in die mitternächtliche Dunkelheit.
„Du, ich glaube, auf dem Hügel da vorne steht ein Haus“, sagte sie und zeigte auf einen dunklen, quadratischen Umriss, kaum hundert Metern entfernt von ihnen.
„He stimmt, du hast recht!“ rief Günter und spähte durch das offene Wagenfenster nach draußen. „Aber es ist nirgendwo Licht zu sehen. Ob ich mal hin gehe?“
Ursula nickte.
„Ja, mach das. Wenn jemand da ist, sind sie bestimmt nicht böse, wenn wir stören. Ist ja auch ein Notfall“.
„Gut, dann gehe ich mal rüber und frage nach dem Telefon. Bleib du so lang beim Wagen, OK?“
Er öffnete die Fahrertür, stieg aus und ging um das Fahrzeug herum auf das dunkle Haus zu. Ursula blickte ihrem Mann hinterher. Nach wenigen Metern konnte sie kaum noch seine Umrisse in der Finsternis erkennen. Aber nach etwas mehr als einer Minute ging an dem Haus ein Licht an und eine Tür wurde geöffnet.
Sie konnte sehen, wie er Gebärden in Richtung des Wagens machte. Wahrscheinlich berichtete er der Person in der Türe gerade von der Panne. Kurz darauf verschwand er im Inneren des Hauses. Ursula wartete, wie es schien, eine kleine Ewigkeit. Plötzlich öffnete sich die Haustür wieder und sie sah ihren Mann heraus stürzen. Gleich darauf konnte sie seine Schritte im Dunkeln näher kommen hören. Dann war er heran, riss die Autotür auf und stieg sofort zu ihr in den Wagen. Hastig knallte er die Tür wieder zu. Im schwachen Licht des vor wenigen Minuten aufgegangenen Vollmondes konnte Ursula erkennen, das Günter Leichen blass war und seine Hände zitterten.
„Um Himmels willen!“ rief sie bestürzt aus. „Was ist denn da drinnen bloß passiert? Du bist ja völlig vom Wind!“
Aber Günter konnte noch nicht antworten. Er saß mit Blut leeren Lippen da und schüttelte nur schwach den Kopf. Erst nach einigen Minuten hatte er sich so weit beruhigt, dass er sich in der Lage fühlte, die drängenden Fragen seiner Frau zu beantworten.
„Es begann schon recht seltsam“, fing er zu berichten an. „Ein sehr hagerer, völlig schwarz gekleideter Mann hatte mir die Tür geöffnet. Seine dunklen, rot unterlaufenen Augen, die mich aus einem unnatürlich blassen, ausdruckslosen Gesicht heraus anstarrten, jagten mir einen kalten Schauer über den Rücken. Der Mann sagte kein Wort, aber das brauchte er auch nicht. Sein Blick, seine Mimik, all das war eine einzige Frage an mich. Also erklärte ich kurz die Situation und bat darum, den Pannendienst anrufen zu dürfen“.
„Und dann? Was ist dann geschehen?“ fragte Ursula gespannt dazwischen.
„Na ja“, fuhr Günter fort, “er fragte mich, ob du wirklich im Auto warten wolltest. Und als ich das bejahte, murmelte der Typ vor sich hin, das sich anhörte wie ‚außerhalb des Kreises‘ und ‚schlecht, schlecht‘. Aber so genau hatte ich das in dem Moment nicht verstanden“.
„Das ist wirklich sehr seltsam“, meinte seine Frau Kopf schüttelnd. „Was der wohl damit gemeint hat?“
„Zu dem Zeitpunkt konnte ich mir da keinen Reim drauf machen“, erwiderte Günter.
Er fuhr sich mit der Hand durch sein Haar.
„Und wenn ich ehrlich bin, habe ich es bis jetzt noch nicht vollständig kapiert. Allerdings fange ich langsam an zu ahnen, was passiert wäre, wenn wir beide zum Haus gegangen wären“.
„Wie meinst du das?“
„Lass mich zu Ende berichten, dann wirst du es verstehen“, vertröstete sie ihr Mann.
Nach einem kurzen Räuspern setzte Günter seinen Bericht fort.
„Der Kalk weiße Typ hat mich dann endlich in das Haus gelassen. Er war richtig lieb: ‚Wenn es sein muss‘, hatte er gezischt. ‚Dahinten steht das Telefon. Machen Sie Ihren Anruf, und dann gehen Sie wieder. Den Weg hinaus werden Sie finden. Ich kann nicht so lange auf Sie warten, denn ich habe Gäste, um die ich mich kümmern muss‘. Sprachs, drehte sich um, rauschte davon und verschwand“.
Günter schüttelte sich. „Mich schaudert es immer noch, wenn ich an die Eiseskälte in seiner Stimme zurück denke!“
„Los, erzähl weiter!“ drängte ihn seine Frau, die mit wachsender Spannung seinem Bericht zuhörte. „Was ist dann passiert?“
„Nach dem er durch eine Tür verschwunden war, stand ich erst mal einen Moment lang völlig Baff da. Dann bin ich rüber zum Telefon gegangen und habe den Pannendienst angerufen“.
Ursulas Mann machte eine kurze, nachdenkliche Pause.
„Eigentlich hätte ich danach ja gehen sollen“, meinte er dann nachdenklich. „Doch zum einen wollte ich mich noch für die Hilfe bedanken, und zum anderen war ich auch neugierig geworden“.
„Neugierig? Worauf denn?“
„Nun, auf diese Tür, in der das Kalkgesicht verschwunden war. Von dort drang leise ein seltsamer, unverständlicher Singsang in die Vorhalle hinaus“.
„Und du wolltest natürlich wissen, was es damit auf sich hat!“ rief Ursula aus.
„Richtig – du kennst mich ja: to boldly go, where no man has gone before“. Er grinste schwach. „Ich bin also zu dieser Tür hinüber gegangen und habe zunächst mein Ohr dagegen gelegt. Verständlicher wurde der Singsang dadurch auch nicht, nur etwas lauter. Irgendwie hörte sich die Sache wie lateinisch an, durchsetzt mit Brocken einer völlig unbekannten Sprache. Dadurch war ich dann erst recht neugierig geworden, was wohl dahinter steckt“.
„Du und deine Neugier!“ seufzte Ursula.
„Ich hab den Türgriff herunter gedrückt, und die Tür war nicht abgeschlossen. Langsam habe ich sie geöffnet. Dann bin ich in einen schmalen, nur schwach beleuchteten Gang geschlüpft und bis an dessen Ende geschlichen. Dort stand ich wieder vor einer Tür.
Der Singsang war nun deutlich zu hören. Er musste aus dem Raum dahinter kommen“.
„Du hast doch wohl nicht auch diese Tür aufgemacht?“ fragte Ursula ihren Mann erschrocken.
Der winkte ab. „So blöd bin ich nun doch nicht“, sagte er. „Ich habe durch das Schlüsselloch geguckt. Zum Glück war kein Schlüssel im Schloss“.
„Was hast du sehen können?“
„Viele Schwarz gekleidete Gestalten, die, im Kreis angeordnet, in einer Art Schneidersitz auf dem Boden saßen. Sie wiegten ihre Oberkörper vor und zurück, und dabei gaben sie diesen komischen Singsang von sich. In der Mitte des Kreises war ein junges Schaf an einen Holzpflock angebunden“.
„Ein Schaf?“ Ursula schien verwirrt. „Für was brauchen die ein Schaf?“
„Das habe ich mich auch gefragt“, antwortete Günter. „Aber nur einen Moment später habe ich es erfahren. Einer der schwarzen Gestalten stieß einen Schrei aus. Darauf hin sind alle Beteiligten aufgesprungen. Sie haben ihre schwarzen Umhänge abgeworfen. Darunter waren sie völlig nackt. Ihre Körper waren über und über mit magischen Symbolen in roter Farbe bemalt. Und dann...“. Günter schüttelte sich und schloss für einen Moment seine Augen. „Es...es war grässlich!“
Ursula sagte nichts, sie nahm nur seine wieder zitternden Hände in die ihren.
Nach einem kurzen Moment hatte sich ihr Mann wieder gefasst. langsam und stockend berichtete er weiter.
„Sie stürzten sich alle auf das junge Schaf. Und dann...dann haben sie das Tier mit bloßen Händen zerrissen und sich das Fleisch in den Mund geschoben“.
Günter hob den Blick und sah seine Frau mit Tränen gefüllten Augen an.
„Diese Schreie von dem Schaf, das Kreischen der irren Typen, die Geräusche, das werde ich nie wieder aus meinem Kopf bekommen“, schluchzte er.
„Mein Gott!“ brachte Ursula hervor. Das Grauen hatte auch sie erfasst.
Hastig wischte sich ihr Mann die Tränen aus den Augenwinkeln.
„Plötzlich hat sich eine der Gestalten zur der Tür umgedreht, hinter der ich kniete und das grässliche Schauspiel verfolgte“, erzählte er weiter. Seine Frau lauschte Atemlos.
„Seine Blut verschmierte Fratze schien mich genau anzublicken. Da schoss es mir Eiskalt in die Glieder und ich wusste, dass die meine Anwesenheit spürten. Ich habe mich herum geworfen, bin aufgesprungen, und dann rannte ich nur noch. Erst hier im Auto bin ich wieder zu mir gekommen!“
Er sah seine Frau an, die jetzt auch blass geworden war und ebenfalls am ganzen Körper zitterte.
„Wenn du nicht außerhalb des Kreises, sprich im Auto geblieben wärst, hätten wir anstelle des Schafs in der Kreismitte stehen können!“ sagte er Tonlos.
Ursula nickte nur. Die Erkenntnis, wie knapp sie möglicherweise einem grässlichen Schicksal entronnen waren, raubte ihr alle Worte. So saßen sie schweigend einige Zeit lang im Auto. Wem konnten sie die Geschichte erzählen? Wer würde ihnen glauben? Würde ihnen überhaupt jemand glauben? Konnten sie das Geschehene je vergessen?
Auch, als endlich die Lichter des Abschleppwagens im Rückspiegel ihrs Autos auftauchten, hatten sie noch keine Antworten auf ihre Fragen gewonnen. Sie wussten nur eines: ihr Leben würde nie wieder so sein, wie es einmal gewesen war.

Ende

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